Wenn Populisten zusammentreffen

Vor kurzer Zeit ging die Meldung durch die Medien, dass der Kärntner Landeshauptmann, Gerhard Dörfler, den Papst ins südlichste Bundesland einladen will. Dabei wurde auch mit Verallgemeinerungen und billigen Phrasen nicht gespart, wie man zum Beispiel hier sehen kann:

Papst01s
Ich frage mich ernsthaft, von welchem Kärnten nun die Rede ist. Mir ist nicht bekant, ob die Kärntner Bevölkerung hierzu befragt worden ist, doch ich bezweifle es stark. Solange Dörfler seinen Nachnamen nicht ändert und fortan Gerhard Kärnten heisst, kann diese Meldung schonmal nicht stimmen.

Genaueres über die wundersame Welt Dörflers lässt sich in einer Presseaussendung finden, welche nach seinem Zusammentreffen mit Ratzinger am vorigen Samstag in Italien verfasst wurde:

"Der Landeshauptmann lud den Papst herzlich zu einem Besuch seiner Heimat, dem Gurktal, ein. Diese Einladung werde er auch noch schriftlich wiederholen. [...] Er verwies auf die enge Verbindung des Landes Kärnten mit der katholischen Kirche. Schon Landeshauptmann Jörg Haider habe gute Kontakte mit dem Vatikan gehabt [...]"

Von Mitgliedern einer Partei wie der FPK, welche sehr viel stärker durch Populismus denn durch Rationalität auffällt, ähnlich wie ihre "Schwestern"-Partei mit dem "Ö" im Namen, hätte mich ein differenzierter Umgang mit dem katholischen Oberhaupt ohnehin sehr stark verwundert. Da Kärntens politische Elite es anscheinend versäumt hat, sich mit Fakten zu beschäftigen und stattdessen lieber Autobahnen blockiert, möchte ich dies hier kurz nachholen:

  • die Menschenrechte werden vom Vatikan immer noch nicht anerkannt
  • Homosexuelle werden nach wie vor diskriminiert
  • das Kondomverbot trägt nach wie vor zur Ausbreitung von Aids bei
  • Kindesmissbrauch wird vertuscht, verdeckt und am liebsten totgeschwiegen, an Aufklärung scheint kein Interesse vorhanden zu sein
  • die Piusbruderschaft mit ihren Holocaust- Leugnern jedoch wurde wieder in die Kirche aufgenommen

Das Verhalten Ratzingers entspricht in keinster Weise den Prinzipien von Demokratie und Offenheit. In diesem Kontext wäre noch zu erwähnen, dass sein "direkter Vorgesetzter", Jesus Cristus, nun doch nicht für die Sünden aller gestorben sein soll. Die Einladung eines reaktionären, dogmatischen Religionsoberhauptes im Namen des offiziellen Kärntens (wie es die Kronen-Zeitung nahezulegen scheint), ist eine politische Farce und lässt einen stark an den populistischen Charakter der Kärntner Freiheitlichen denken.

Es lässt sich an solchen Beispielen jedenfalls erkennen, dass die Trennung von Kirche und Politik in Österreich ein schlechter Scherz ist. Dies ist kein Geheimnis, auch wenn es eine Blamage für eine demokratische, pluralistische Republik darstellt.

Fazit: Kärnten, dessen Ruf durch populistische Parteien sowie insbesondere von einzelnen Landeshauptmännen ohnehin beschädigt ist, braucht keine religiösen Märchenerzähler. Schon gar nicht, nachdem sich allerorts über den Besuch des Dalai Lama gefreut wird, der auch eine sehr zwielichtige Gestalt ist.

 

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Revolution begins

(Vorsicht: Ironie und Sarkasmus, ernstere Artikel werde in Kürze wieder folgen)

Vor ungefähr sieben Jahren war die Berichterstattung über die "Jesus Revolution Army" relativ stark, seitdem hat man davon kaum mehr etwas gehört. Die Organisation mit Hauptsitz in Oslo und "Basiscamps" in ganz Europa hat es sich zum Ziel gesetzt, die Jugend Europas wieder für das Evangelium zu begeistern. An sich nichts Verwerfliches, jeder kann schließlich gerne für seine Ansichten werben- aber was hier getrieben wird, erinnert sehr stark an eine Sekte, inklusive der typischen Methoden wie Gehirnwäsche und strengem Dogmatismus.

Die "Armee" wurde 1997 gegründet und betreibt in Norwegen eine Missionsschule, in der gelehrt wird, die Bibel wörtlich auszulegen und sein Leben ganz dem Erloser zu widmen. Vorehelicher Sex, Homosexualität sowie ganz gewöhnliche Aktivitäten unter Jugendlichen - Parties, manchmal etwas zu viel Alkohol, Partnerschaften (inkl. Sex) - werden als Sünde abgelehnt. Nach der Ausbildung werden die neuen Missionare auf Tour geschickt, wo sie entweder in Fussgängerzonen Passanten ansprechen oder in einer Art Musical singen und tanzen. Das Ganze sieht dann so aus:

An sich eigentlich eine ganz nette Attraktion. Meiner Meinung nach etwas lächerlich, aber naja, das ist bekanntlich Geschmackssache. Die jungen Missionare müssen für ihre Ausbildung selbstverständlich bezahlen, versorgt werden sie während ihrer Tourneen von ortsansässigen Freikirchen.

Die baldige Wiederkunft Jesu als Richter über die Menschheit wird ebenfalls propagiert. Anders ausgedrückt, werden Bilder von ewigen Höllenqualen beschworen, die man über sich ergehen lassen muss- außer, man tritt der Revolution bei und wird ein fundamental-christlicher Mensch, selbstverständlich. Im Grunde genommen handelt es sich um nichts anderes als gelebten Fundamentalismus, hübsch verpackt in Tanz- und Gesangseinlagen. Der liebe Jesus ist jedenfalls die Nummer Eins aller Armeemitglieder- dieser ist bestimmt ganz lieb, abgesehen davon, dass er den meisten Menschen ewige Quallen zufügt, wenn man nicht vor ihm kriecht. Das erinnert mich persönlich etwas an den Doppeldenk- Begriff der Kunstsprache Neusprech aus George Orwells 1984. Ich habe aber die frohe Botschaft nicht verstanden, schätze ich.

Ich frage mich ernsthaft, wer in Europa noch ernsthaft an solche Dinge glauben kann, dazu muss man sich schon sehr der Außenwelt verschließen. Naja, warten wir mal ab, ob Jesus kommt- und falls ja, was er denn so zu sagen haben wird. Vielleicht wird er dann ja bei den Shows der Revolution Army mittanzen- das würde sogar ich mir gerne ansehen.

In diesem Sinne: Jesus is my friend- wer solche Freunde hat, braucht nun wirklich keine Feinde mehr.

 

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Gibt es ein Leben vor dem Tod?

Das grundlegende Merkmal vieler religiöser sowie pseudoreligiöser Lehren ist ihre Konzentration auf das Jenseits. Christen bereiten sich im Leben praktisch auf diese transzendente Welt vor, indem sie sich so zu verhalten versuchen, dass sie nach dem Tod eine möglichst gute Stellung in der göttlichen Ordnung ergattern können- oder anders ausgedrückt: nicht in die Hölle kommen. Andere, nicht monotheistische Weltreligionen haben hingegen zum Ziel, nicht als etwas Unangenehmes wiedergeboren zu werden, und esoterische Lehren versprechen das Seelenheil in der Befolgung irgendwelcher obskuren Praktiken. Es scheint so, dass das einzige Leben, von dem wir wissen, dass es existiert, nur als Vorbereitung, bzw. als Übergangsphase hin zu einem ewigen, zweiten Leben verstanden wird.

Ich finde es seltsam, dass das Glück somit auf eine jenseitige Existenz (oder auf das nächste Leben) verlagert wird. Im Grunde genommen werden wir dadurch ja vertröstet, denn die nächste Phase unserer Existenz kann, unter Einhaltung bestimmter Regeln im Diesseits, dann ja nur besser werden. Ist es nicht sinnvoller, diese Ideen des Jenseits oder der Reinkarnation, von denen niemand weiß ob sie wirklich existieren, abzuschwächen und stattdessen zu versuchen, sein Glück im Diesseits zu finden?

Diesen Ansatz verfolgte schon Epikur, laut ihm ist Glück etwas, dass aktiv hergestellt werden muss, und zwar im Diesseits. Die Idee der transzendentalen Welt lehnte er ab, ihm ging es viel stärker darum, seine gerade stattfindende (diesseitige) Existenz möglich positiv und erfüllend zu leben. Mit anderen Worten: Epikureer gehen davon aus, dass sich mit dem Tod auch unsere "Seele" vollends auflöst, und nicht irgendwo anders hin geschickt wird.

Die Angst vor dem Tod ist ja nach wie vor eine Trumpfkarte aller Versprechungen, die uns auf ein Jenseits vorbereiten wollen. Wenn aber nun die Seele ebenso an das Diesseits gebunden ist wie alles andere auch, ist die Angst vor dem Tod eigentlich unverständlich. Epikur schrieb in einem Brief an einen gewissen Menoikeus:

"Ferner gewöhne Dich an den Gedanken, daß der Tod für uns ein Nichts ist. Beruht doch alles Gute und alles Üble nur auf Empfindung, der Tod aber ist Aufhebung der Empfindung. Darum macht die Erkenntnis, daß der Tod ein Nichts ist, uns das vergängliche Leben erst köstlich. Dieses Wissen hebt natürlich die zeitliche Grenze unseres Daseins nicht auf, aber es nimmt uns das Verlangen, unsterblich zu sein, denn wer eingesehen hat, daß am Nichtleben gar nichts Schreckliches ist, den kann auch am Leben nichts schrecken. Sagt aber einer, er fürchte den Tod ja nicht deshalb, weil er Leid bringt, wenn er da ist, sondern weil sein Bevorstehen schon schmerzlich sei, der ist ein Tor; denn es ist doch Unsinn, daß etwas, dessen Vorhandensein uns nicht beunruhigen kann, uns dennoch Leid bereiten soll, weil und solange es nur erwartet wird!

So ist also der Tod, das schrecklichste der Übel, für uns ein Nichts: Solange wir da sind, ist er nicht da, und wenn er da ist, sind wir nicht mehr. Folglich betrifft er weder die Lebenden noch die Gestorbenen, denn wo jene sind, ist er nicht, und diese sind ja überhaupt nicht mehr da." (Uni Hildesheim)

Erkenntnisse der Neurobiologie, basierend auf der Evolutionstheorie, legen uns nahe, dass unser Bewusstsein tatsächlich auf einer materiellen Basis beruht, und nicht vom Körper zu lösen ist. Die Welt, wie wir sie sehen, sehen wir nur deshalb so, weil sich diese Sichtweise in einem langen evolutionären Prozess entwickelt hat.

Ich würde daher vorschlagen, dass wir uns stärker auf das diesseitige Leben konzentrieren und versuchen, in diesem unser Glück zu finden. Moderne Glücksforscher sind dabei zu ähnlichen Ergebnissen gekommen wie die Epikureer ihrerzeit:

Um glücklich zu sein, braucht man also keine Religion oder, in weiterem Sinne, keine transzendenten Ideen.

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Ein Leben ohne Glauben ist nicht lebenswert?

In der letzten Ausgabe der ORF2- Sendung "im Zentrum" ging es um das Thema "Wasser predigen, Wein trinken - Schein und Sein in der katholischen Kirche". Unter den Gästen dieser Diskussionsrunde war unter anderem der Schauspieler Alfons Haider, welcher selbst aus der kath. Kirche ausgetreten ist. Die gesamte Sendung lässt sich eine gewisse Zeit lang in der Online- Videothek des ORF finden.

Freunde aus der gbs- Gruppe Kärnten haben mich nun auf folgende Aussagen Haiders aufmerksam gemacht:

"Ich glaube an eine Gesellschaft, die sich an den Menschen orientieren muss - unter Gottesschutz;
ich glaube, dass das Leben ohne eine Art Glauben nicht lebenswert ist;"

Nun, Herr Haider kann in einer Demokratie selbstverständlich glauben, was er möchte, aber es gibt auch sehr gute Gegenentwürfe gegen seine Thesen, welche auch berücksichtigt werden sollten.

Eine Gesellschaft, am Menschen orientiert- unter Gottesschutz?

Ich frage mich, wie das funktionieren soll. EIne Gesellschaft unter Gott, welche sich strikt am Menschen, und somit an menschlichen Bedürfnissen und den Prinzipien der Offenheit und Fairness orientiert, kann es gar nicht geben, wenn man vom monotheistischen Gottesverständnis ausgeht. Der erste christliche Gebot "Du sollst keine Götter neben mir haben" wird, aufgrund der Religionsvielfalt, von so manchen Österreichern nicht beachtet- wieso auch, für Nichtchristen gelten ja schließlich keine christlichen Dogmen. Eine Orientierung am Menschen kann, wenn man von der Existenz EINES Gottes ausgeht, auch nicht stattfinden, da solch eine Gesellschaft sich dann an den von Gott vorgegebenen Vorstellungen orientieren müsste- womit wir wieder zu so manchen Dogmen und Vorschriften für die Christenheit kommen, die andere Meinungen und Religionen (sowie auch die Konfessionsfreiheit) ganz einfach nicht dulden.

Eine am Menschen orientierte Gesellschaft muss zwangsläufig säkular sein, alles andere würde in müßigen Auseinandersetzungen auf politischer Ebene enden, wo es darum geht, wie welche angeblichen Gottesworte ausgelegt werden müssten, beziehungsweise welche Lesart des Christentums denn nun die richtige ist, um Gott zufrieden zu stellen. Wie so etwas aussieht, kann man entweder in Geschichtsbüchern nachlesen, oder man wirft einen Blick auf Nationen, welche den (christlichen) Glauben teils noch todernst nehmen- ich denke da beispielsweise an die Debatten der Republikaner in den USA.

Allerdings ist eine solch offene, humanistische Gesellschaft unter einem Gott vorstellbar, der milde lächelt und alle Meinungen und Lebensarten als gültig betrachtet- dies ist aber bestimmt nicht der Gott der christlichen (und insbesondere der katholischen) Kirche. Und ganz davon abgesehen: Selbst dann würde es sich nicht um eine humanistische Gesellschaft handeln, da ja wiederum alles unter der Schirmherrschaft eines (wenn auch weitaus sympathischeren) Gottes steht, womit wir zwangsläufig, beim menschlichen Streben nach Macht, wieder beim oben genannten Problem wären.

Leben ohne eine Art Glauben ist nicht lebenswert?

Dies mag dem subjektiven Empfinden von Herrn Haider nach wohl zutreffen, Allgemeingültigkeit kann dies Aussage aber nicht beanspruchen. Zuerst einmal zu jener Art des christlichen Glaubens, die bei uns am Weitesten verbreitet ist:

"Sie (die meisten Christen- Anm.) glauben nicht mehr an Adam und Eva, nicht mehr an Hölle und Teufel [...] häufig sogar nicht mehr daran, dass eine historische Person Jesus von Nazareth existiert hat, geschweige denn: dass sie von den Toten auferstanden ist. [...] Seltsamerweise hält dieser reale 'Unglaube' viele Menschen nicht davon ab, sich als 'Christen' zu bezeichnen." (Michael Schmidt-Salomon: Manifest des evolutionären Humanismus, S. 32)

Eine Erlsöungstat Jesu ohne Hölle ist völlig sinnlos, was aber nicht weiter aufzufallen scheint. Jedenfalls kann die Art von Glauben, die in Österreich vorherrscht, nicht mehr als traditionell christlich bezeichnet werden.

Die meisten Personen glauben also an Irgendwas, wobei die subjektiven Vorstellungen individuell sehr verschieden sein können. Die Kernaussage auf die ich mich beziehen will ist aber, dass irgendeine Form von Glauben nötig sei, um ein Leben erst lebenswert zu machen.

In diesem Kontext wird "Atheisten" gerne mal vorgeworfen, dass sie den religiösen Glauben bloss gegen "Wissenschaftsgläubigkeit" getauscht hätten- warum dies nicht so ist, habe ich hier schon mal zu erklären versucht.

Jedenfalls leigt der Vorstellung Haiders m.E. nach der Fehlschluss zugrunde, dass der Sinn des Lebens zeitgleich der Sinn im Leben sein müsste. Ungläubige Personen können sehr wohl Sinn, Freude und Zufriedenheit im Leben finden, und dies ganz ohne metaphysische Vorstellungen. Wer solche hat, kann sie selbstverständlich gerne vertreten, solange er nicht missionarisch-fundamental auftritt. Aber er oder sie soll Ungläubigen bitte nicht etwas abzusprechen versuchen, was sich diesen nicht absprechen lässt.

Die Wurzeln unserer Glücksgefühle liegen, wie alles andere, im Evolutionsprozess begraben. Glück kann jeder empfinden, wenn er sich beispielsweise freundlich und hilfreich verhält, und dies von anderen Menschen honoriert wird- ganz egal, welchem Glauben oder Nichtglauben jemand angehört.

Ein Leben ohne Glaube kann sogar, sofern ich dies subjektiv beurteilen kann, befreiender und "lebenswerter" sein als das Festhalten an einem althergebrachten, wenn auch von der Aufklärung modifiziertem, Glaubenssystem. Die Erkenntnis, dass man nur ein Leben hat, dieses mit dem Tod endültig vorbei ist und der Mensch bei Weitem nicht so wichtig ist, wie er es gerne hätte, befreit ein Individuum von vielerlei Sorgen und Mühen.

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Replik auf Stefan Winklers “Die Laizismus-Falle” vom 1.4.2012

Am 1. April 2012 erschien in der Printausgabe der Kleinen Zeitung ein Artikel von Stefan Winkler mit der Überschrift “Die Laizismus-Falle. Weshalb die Religion nicht aus dem öffentlichen Raum verbannt werden darf“. Der Artikel zeugt von defizitärem Wissen über die Verfassung und bezeichnet Personen, welche auf Mißstände im Verhältnis von staatlichen Institutionen zu Religionsgemeinschaften aufmerksam machen, als Eiferer. Dieser Artikel, welcher in der Rubrik “Offen gesagt” veröffentlicht wurde, war mir eine kurze Stellungnahme wert, die ich an dieser Stelle publik machen möchte:

Sehr geehrter Herr Winkler,

in der Printausgabe der Kleinen Zeitung vom 1.4.2012 haben Sie einen interessanten Artikel geschrieben, in dem es um die Empörung allzu eifriger Laizisten geht, welche die Religion aus dem öffentlichen Raum verbannen wollen. Ich möchte hierzu folgende Anmerkungen machen:

1. Die Präsenz von Religion im Alltag ist insofern natürlich nicht indoktrinierend, als dass sie von Glaubensvertretern und deren Anhängern finanziert und vertreten wird, und nicht vom Staat, der sich weltanschaulich neutral zu verhalten hat. Dies ist in Österreich aber nicht der Fall, die österliche Schweigeminute ist hierbei nur ein Beispiel unter vielen. Kreuze und Kruzifixe in Schulen, sowie die nicht mehr zeitgemäße staatliche Unterstützung der katholischen Kirche seitens des österreichischen Staates wären als weitere Aspekte zu nennen, wobei letzteres auf Gesetzen und Regelungen beruht, welche alles andere als demokratisch legitimiert worden sind. Im Bezug des ORF kommt natürlich noch die pro-christliche Sprachregelung im Falle des Attentäters Breivik hinzu, welche so von religionskritischen (kritisch, nicht feindlich) oder andersgläubigen Menschen nicht hingenommen werden kann. Und zwar deswegen, weil

2. Die katholische Kirche als Institution und als Hüterin der Moral bereits seit langem ihr Gesicht verloren hat. Ich spiele hier nicht mal auf die Missbrauchsfälle der letzten Jahre an, ein Blick in ein Geschichtsbuch zeigt, dass sie niemals als moralische Institution verstanden werden konnte. Dabei spreche ich nicht von deren Gläubigen, sondern ganz spezifisch vom Glaubensverein selbst. Wieso dieser bzw. dessen von der Wissenschaft bereits lange widerlegten Überzeugungen im öffentlich- rechtlichen Fernsehen also ein Platz eingeräumt werden sollte, dafür gibt es keine objektiv nachvollziehbaren Argumente. Hier mag zwar die Tradition ins Spiel kommen, aber

3. Tradition determiniert nichts. Im Zuge der Aufklärung wurde das europäische Christentum in Hinsicht auf seine fundamental-dogmatischen und in höchstem Maße intoleranten Grundsätze zwar “gezähmt”, wodurch es im öffentlichen Bewusstsein getrost als “Religion Light” bezeichnet werden kann – dies ändert aber trotzdem nichts daran, dass deren offizielle Vertreter (sowohl der Vatikan, als auch höhere österreichische Berufsgläubige wie bspw. Bischof Schwarz) immer noch für Werte und Dogmen stehen, die undemokratisch, homophob und realitätsfern sind. Da mit dem Einsatz öffentlicher Medien aber genau diesen Vertretern des katholischen Christentums in die Hände gespielt wird, kann dies von niemandem ernsthaft akzeptiert werden, der für die Grund- und Menschenrechte sowie die Werte der Redlichkeit und Ehrlichkeit im Umgang mit historischen Fakten einstehen will.

4. Wer Laizismus und/oder Säkularismus als Religion bezeichnet, hat sich entweder mit deren Grundsätzen nicht auseinander gesetzt oder diese nicht ganz verstanden. Es geht und ging nie darum, den Menschen ihre Religion oder Spiritualität zu verbieten, sondern einzig und allein darum, dass eine spezifische Weltanschauung nicht staatlich privilegiert werden sollte. Dass dies in Österreich der Fall ist, habe ich ja bereits im ersten Punkt angedeutet.

5. Eine Kultur, in der kein Platz für Glück ist, kann selbstverständlich als kalte Kultur bezeichnet werden. Inwieweit dieses vermeintliche Glück aber nun mit der Aufrechterhaltung anti-laizistischer Vorgehensweisen verknüpft sein soll, ist mir schleierhaft. Dass viele Personen zu Ostern in die Kirche strömen, welche dies sonst nicht tun, kann zwar als Indiz für die “Christlichkeit” der Bevölkerung verstanden werden – aber dies deutet doch viel eher darauf hin, das Religion langsam aber sicher zu Folklore wird und nicht mehr besonders ernst genommen wird.

6. Der Satz, dass religiöse Rituale die Banalität des Alltags durchbrechen, bedarf weiterer Begründung. Aus subjektiver Sicht mag dies irgendwie stimmen, aber dadurch die derzeitige Privilegierung der Kirche verteidigen zu wollen, ist eine seltsam anmutende Argumentationslinie, welche so ohne weiteres keiner Überprüfung standhält.

Mit freundlichen Grüßen,
Markus Arch
Regionalgruppe Österreich im Förderkreis der Giordano-Bruno-Stiftung

PS: Die Liste der Möglichkeiten zur Indoktrination von Kindern, beruhend auf ungerechtfertigter Privilegierung und falsch verstandener Toleranz seitens des Staates, habe ich hier noch gar nicht angeführt.

PPS: Herr Winkler fand freundlicherweise die Zeit, mein Statement zu beantworten, jedoch hat sich seine Ansicht, beruhend auf m.E. nach defizitärem Wissen, auch durch die von mir aufgelisteten Tatverhalte nicht ändern lassen. Wir sind seines Erachtens nach immer noch eine kleine Gruppe von Eiferern, die anderen unsere “Meinung” aufdrücken wollen.

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Unsicherheit, Redlichkeit und der Osterhase

Diesmal soll es wieder um das Thema Atheismus/ Agnostizismus/ Religion gehen. Diese Thematik wurde von mir zwar schon oft behandelt, aber es bedarf wohl nach wie vor einer gewissen Klarstellung. Insbesondere der Agnostizismus, also die generelle Ablehnung und das "Offenlassen" der Frage nach Gott und/oder anderen metaphysischen Ideen, ist hierbei meines Erachtens keine praktische, weltanschauliche Option.

Worum geht es?

Das Orakel der modernen Gesellschaft (Wikipedia) beschreibt den Agnostizismus folgendermaßen:

Der Agnostizismus ist eine Weltanschauung, die insbesondere die prinzipielle Begrenztheit menschlichen Wissens betont. Die Möglichkeit der Existenz transzendenter Wesen oder Prinzipien wird nicht bestritten. Agnostizismus ist sowohl mit Theismus als auch mit Atheismus vereinbar, da der Glaube an Gott möglich ist, selbst wenn man die Möglichkeit der rationalen Erkenntnis Gottes verneint.

Der Duden sieht dies ähnlich.  In der Theorie hören sich die agnostischen Grundlagen zunächst interessant und irgendwie auch einleuchtend an:

  • Ob es außerhalb der empirisch und sinnlich erfahrbaren Welt (Diesseits) noch etwas Weiteres gibt (Jenseits), ist eine Frage die niemand mit hundertprozentiger Sicherheit beantworten kann
  • Da wir Menschen es gar nicht ganz genau wissen können, ist es müßig, einen exakten Standpunkt (Ja oder Nein) einzunehmen
  • Daher wird sich entweder nicht weiter mit der Frage beschäftigt, oder es wird ganz bewusst keine der beiden Alternativen eingenommen

Was mich dabei stört ist, dass diese Argumentationslinie eine gewisse Redlichkeit vermissen lässt.

Weshalb Agnostizismus keine wirkliche Option ist

Nur weil etwas nicht hundertprozentig bewiesen oder widerlegt werden kann, bedeutet dies noch lange nicht, dass wir uns deshalb einer Meinung enthalten können. In der modernen Wissenschaft gilt schließlich nicht das Prinzip der absoluten Verifikation, sondern vielemehr jenes der Falsifikation. Dies bedeutet, dass eine Theorie solange Gültigkeit besitzt, bis sie widerlegt, verbessert oder durch eine andere, logisch- konsistentere ersetzt wurde. Wie der medizinische Kabarettist Dr. med. Eckart von Hirschhausen so schön sagt: Wir irren uns langsam nach oben.

Dieser von Karl Popper geprägte kritische Rationalismus (samt Falsifikationismus) mit all seinen Implikationen ist meines Erachtens nach jene Vorgehensweise, welche sich bis zum heutigen Tag am Besten bewährt hat bei der Suche nach Erkenntnissen. Menschliches Wissen ist stets beschränkt, und auch neueste Erkenntnisse sind nicht völlig sicher. Aber: Sie sind sehr viel sicherer und wahrscheinlicher als alte menschliche Ideen und Theorien, beispielsweise jene eines allmächtigen Schöpfers.

Diesem Grundgedanken folgend, konnten weder die Philosophie, die Theologie noch irgend eine andere geistes- oder auch naturwissenschaftliche Disziplin stichhaltige Indizien für die Existens des Jenseits liefern. Auf der anderen Seite wiederum sieht der aktuelle Erkenntnisstand so aus, dass es vermutlich weder eine Seele, eine jenseitige Welt noch eine wie auch immer geartete Form von Gott gibt.

Und an diesem Punkt kommt meiner Meinung nach die Redlichkeit ins Spiel.

Die Unredlichkeit des Agnostizismus

Redlichkeit bedeutet zunächst einmal, seine innere Haltung und sein Handeln miteinander in Einklang zu bringen. Dem Prinzip von Popper folgend also, dass die eigenen Standpunkte nicht dogmatischer Natur sind und solange eingenommen werden können (bzw. sollen), bis sie widerlegt wurden, oder zumindest stichhaltige Argumente dagegen auftauchen. Da es bis dato keine besseren Methoden zur Überprüfung von allen möglichen Thesen gibt als die wissenschaftlichen, sollte man sich meiner Meinung nach eben auf diese beziehen. Redlichkeit bedeutet also auch, seine Einstellungen mit den aktuellsten und am besten gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnissen abzugleichen.

Thomas Metzinger zieht beim Agnostizismus gegenüber Gottesvorstellungen den satirischen Vergleich mit dem Osterhasen. Ihm zufolge kann auch dieser nicht hundertprozentig bewiesen oder widerlegt werden, es ist jedoch unredlich, sich als Osterhasen- Agnostiker zu bezeichnen.

Fazit

Es sprechen alle modernen Erkenntnisse gegen die Existenz einer jenseitigen Welt. Dies bedeutet natürlich nicht, dass diese nicht doch existieren könne- die Wissenschaft hat sich im Laufe der Zeit ja immer wieder selbst widerlegt, und daraufhin neue Ansätze und Theorien entwickelt. Aus heutiger Sicht jedoch ist diese mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bloß eine Schöpfung des menschlichen Geistes, und in der Realität nicht existent (also ähnlich wie der Osterhase).

Solange nun keine stichhaltigen Argumente gegen ein streng diesseitiges Weltbild auftauchen, sollte man aus Gründen der Redlichkeit sich selbst gegenüber versuchen, ohne diese Annahme auszukommen. Dies ist alles andere als einfach, gewährleistet aber, dass man sich nicht selbst etwas vorzumachen versucht.

 

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Demokratie ohne Volk? ACTA und dessen Implikationen

Das Anti Counterfeiting Trade Agreement (kurz: ACTA) ist aktuell in den Medien ein viel behandeltes Thema. Es wurde am 26. Januar von der EU- Kommission und 22 Mitgliedsstaaten, darunter Österreich, unterzeichnet, und soll dabei helfen, Produkt- und Markenpiraterie zu stoppen.

Weltweit hat sich immenser Widerstand dagegen gebildet, was vor allem an den ungenauen Ausformulierungen dieses Dokuments liegen dürfte. Der EU- Handelskommissar Karel de Gucht erklärte nun am vergangenen Dienstag, dass der europäische Gerichtshof klären soll, ob das Abkommen geltendes europäisches Recht verletzt.

Zustandekommen des Abkommens

Die ersten Verhandlungen zu ACTA begannen bereits im Jahr 2007, die Öffentlichkeit wurde dabei völlig ausgeschlossen. Im Mai 2011 wurde die engültige Fassung des Abkommens vorgelegt; momentan kann es nur angenommen oder abgelehnt werden. Für Veränderungen müsste zuerst ein neuer Vertrag ausgearbeitet werden.

Die Republik Österreich, welche das Abkommen wie bereits erwähnt Ende Jänner unterzeichnete, hat angekündigt, bei derssen Ratifizierung nun bis zum Beschluss des EU- Parlaments zu warten. Durch die Überprüfung des EuGH könnte sich dieser ursprünglich für den 12. Juni angesetzte Tag nun um zwei Jahre verschieben.

Beschneidung der Meinungsfreiheit?

In Artikel 27 heißt es in einer Fußnote, das Internetprovider für durchgeleitete Inhalte haften sollen. Dies würde dem indirekten Zwang der Zensierung und Üerwachung gleichkommen. Dr. Carsten Frerk befürchtet des Weiteren Einschnitte in den Gesundheitsbereich:

"Auch im Gesundheitsbereich ergeben sich erhebliche Gefahren aus dem Vertragstext. Wirkstoffgleiche Kopien von Medikamenten, die unter bestimmten Markennamen vertrieben werden (sogenannte Generika) sollen beim Im- und Export von den Zollbehörden gestoppt werden können [ACTA-Text, deutsche Fassung, Abschnitt 3,  S. 19]. Dadurch entstehen erhebliche Risiken für die Versorgung, insbesondere armer Länder, mit Arzneimitteln."

Kritiker sehen das Abkommen allgemein als weiteren Schritt zur Beschneidung bürgerlicher Rechte zugunsten wirtschaftlicher Interessensgemeinschaften, und rufen weiterhin zu Protesten dagegen auf.

Ich schließe mich hierbei der Auffasssung von Dr. Frerk an, dass ACTA schon alleine deswegen abzulehnen ist, da es im Geheimen ausgearbeitet wurde und nun im Schnelldurchlauf durch das Parlament hätte getrieben werden sollen. Demokratie, vor allem der transparente Aspekt dieser politischen Einstellung, sehen anders aus. Der rege Widerstand auf den europäischen Straßen war in dieser Form von den Verantwortlich wohl auch nicht eingeplant.

Quellen:

Artikel von Dr. Frerk beim hpd

Das umstrittene ACTA- Abkommen

Österreich setzt ACTA- Entscheidungs aus

Warum der europäische Gerichtshof Acta stoppen muss

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Niemand nimmt euch etwas weg.

Fowcq
(Bild hier entnommen)

Wer nicht an Gott glaubt, der wird einfach alles glauben, verkündet uns dieses Plakat. Damit ist vermutlich das Fehlen absoluter, für alle verbindliche Werte und Regeln gemeint, welche ohne einen allmächtigen Schöpfer wegfallen. Ohne eine letzte prüfende Instanz, welche klare Spielregeln definiert, scheint alles erlaubt zu sein. Des Weiteren werden geltende Moralvorstellungen dadurch relativiert, den Designern des Plakats nach wohl bis zur völligen Beliebigkeit.

Die säkulare Weltsicht kommt, dieser Auffassung zum Trotz, sehr gut ohne ein göttliches Wesen aus. Wie ist es nun möglich, ein funktionierendes System zu schaffen, ohne dass ein absolutes Alphamännchen darüber wachen müsste?

Regeln und Gebote

Die Regeln, welche unser Zusammenleben koordinieren (sollten), sind an sich sehr kurz und prägnant: Füge niemandem etwas zu von dem du nicht willst, dass es dir zugefügt wird, und sei zu anderen Menschen fair und tolerant. Die christlichen zehn Gebote, eine etwas längere und mit Mahnungen vor Gottes Zorn angereicherte Variante dieser Maxime, gelten auch heutzutage noch als Leitfaden für viele Menschen.

Säkulare Personen aber halten sich ebenfalls an gewisse Kodizes: Mord, Diebstahl und andere Verbrechen werden auch von diesen nicht mehr oder weniger oft begangen als von Anhängern des Christentums oder anderer Religionen. Ganz im Gegenteil, säkulare Länder zählen zu den friedlichsten der Welt. Kriege und andere internationale Gewalttaten sind in diese Statistiken des Global Peace Index miteinbezogen.

Religiöse Gebote und Dogmen können somit als Friedensstifter zwischen Individuen und Nationen empirisch widerlegt werden. Deren Allgemeingültigkeit ist daher stark anzuzweifeln. Woher kommen nun die Werte und daraus resultierenden Regeln säkularer Personen - und, den Statistiken zufolge, auch Gesellschaften?

Regeln ohne Strafandrohung

Dogmatisch- religiöse Gebote sind stets auch mit Strafen verbunden - wer nicht danach handelt, kommt in die Hölle, beispielsweise. Da ein Großteil der Säkularisten aber nicht an ein Leben nach dem Tod glaubt, wirk diese Strafe bei ihnen nicht. Woher stammen eigentlich die weltweit als gültig anerkannten Werte, welche, egal mit welchem religiösen Background, gesellschaftlich verankert und in Gesetzen niedergeschrieben wurden?

Die Fähigkeit zu Empathie und sozialem Verhalten ist Teil unseres evolutionären Erbes. Diese Eigenschaften, welche (zumindest) zum Teil auch bei anderen Tieren verbreitet sind, erwiesen sich als Selektionsvorteil für den Menschen. Auf lange Sicht ist es für ein Individuum einfach besser, sich kooperativ und fair zu verhalten. Dabei geht es uns wie den Kapuzineräffchen: Blut ist dicker als Wasser.

Die, im Laufe der menschlichen Entwicklung, stete Zunahme des Gehirns kann darauf zurückgeführt werden, dass Individuen mit höherer sozialer Intelligenz langfristig Vorteile gegenüber anderen, in dieser Hinsicht niedriger entwickelten Artgenossen haben.

Empathie an sich ist wiederum von Eigennutz getrieben. Das Gefühl des Mitleids etwa bewegt uns nicht deswegen dazu, anderen zu helfen, um diesen uneigennützig beizustehen. Wir fühlen uns schlecht, und helfen uns damit gewissermaßen auch selbst. Völlige Uneigennützigkeit in Bezug auf ethisches Verhalten ist eine Illusion.

Da dieses evolutionäre Erbe der Grund für Übereinstimmungen in Bezug auf friedliches Zusammenleben ist, benötigen wir keinen Kontrolleur, der die Einhaltung eben dieser überprüft - und uns gegebenenfalls bestraft.

Brauchen wir Gott als Gesetzeshüter?

Nein, denn, wie bereits beschrieben, entwickelten sich unsere Gesetze, Gebote udgl. aus unserem evolutionären Erbe, und nicht aus religiös- dogmatischen Vorschriften. Somit kann auch nicht von den viel gepriesenen christlichen Werten gesprochen werden, wenn es um Eigenschaften wie Mitgefühl oder Nächstenliebe geht. Keine Religion kann diese Werte für sich reklamieren.

Glaubt ein Atheist nun alles?

Wenn wir wieder auf das Plakat zu Beginn dieses Artikels blicken, ist nun fraglich ob ohne Gott eine völlige Relativierung aller Normen stattfinden würde. Ohnehin impliziert die darin enthaltene Aussage, dass wir eine letzte Instanz auch in anderen als ethischen Belangen bräuchten.

Ich sehe darin viel eher die unterschwellige Andeutung, das, da Gott ja die einzig wahre Wahrheit ist, gottlose Menschen von allen anderen, natürlich als falsch erachteten Ideen abhängig sind. Dies sind sie allerdings nicht, insofern sie sich der Herkunft unserer Denkweisen, Eigenarten und Normen bewusst sind - und dafür braucht es keine Religion, egal in welcher Form. Sie sind nicht abhängig, dies sind wohl am ehesten die Designer dieses Plakates selbst.

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Antireligiöse sind neidisch? - Kommentar zu Raphael M. Bonelli

Raphael M. Bonelli, Facharzt für Psychiatrie und Neurologie, sowie Leiter der neuropsychiatrischen Forschungsgruppe der privaten Sigmund Freud Universität, hat dem schweizerischen Tagesanzeiger vor kurzem ein Interview gegeben. In diesem behauptet der in Wien tätige Spezialist, welcher nebenbei dem Opus Dei angehört, das "aggressive" Atheisten narzisstisch veranlagt wären.

Ich habe dieses Interview natürlich aufmerksam gelesen, und wusste im Anschluß daran erstmal nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Letzten Endes entschied ich mich aber dazu, die teilweise merkwürdigen Aussagen Bonellis zu kommentieren. Das gesamte Interview mit ihm lässt sich hier finden.

Zusammenfassung des Interviews:

Laut ihm ist der Grund für 'diffuse Religionsfeindlichkeit' eine 'irrationale, unkontrollierte Affektivität', welche viele Atheisten betrifft. Des Weiteren ist diese dafür verantwortlich, dass sich manche Personen schon über ein Jesus- Plakat aufregen.

Atheisten sind dem Psychiater zufolge durch drei Aspekte narzisstisch gekränkt:

1. Die Tatsache, dass Gott - trotz der Aussage Friedrich Nietzsches - nicht tot sei. Religionen würden weltweit regen Zulauf genießen, und ein Atheist kann die im Menschen veranlagte 'natürliche Religiösität' nicht akzeptieren.

2. Die religiöse Moral zeigt dem Menschen, dass er nicht Gott ist, indem sie dessen Schuld aufzeigt. Andere ethische Angebote seien hingegen beliebig, den Atheisten kränkt es, 'nicht unfehlbar zu sein und sich verantworten zu müssen'.

3. Der Atheist möchte die Realität Gottes zwar ablehnen, sehnt sich aber gleichzeitig nach der Geborgenheit eines Gottesglaubens: 'Die Kränkung besteht darin, gottlos zu sein, obwohl man sich unterbewusst nach Transzendenz sehnt'.

Bonelli fügt noch hinzu, viele seiner Kollegen würden feststellen, dass dem Menschen eine natürliche Religiösität innewohnt: 'Wir wissen heute aus vielen wissenschaflichen Studien, dass Glaube dem Menschen guttut, weil er dem Menschen gemäß ist.'

Weiters ergänzt er, dass es noch zu keiner Zeit modern gewesen sei, sich völlig seinem Schöpfer hinzugeben: 'Der Mensch ringt immer und zu jeder Zeit damit, ob er sich demütig als Geschöpf in die Schöpfung einordnet oder selber Gott spielen möchte'.

Statement:

Religionsfeindlichkeit, welche sich im Alltag manifestiert, beruht also auf einer irrationalen Grundlage und ist somit diffus. Ich denke eher, dass die Ablehnung jedweder religösen Symbolik und Denkweise das Resultat einer intensiveren Beschäftigung mit eben jener sein kann. Personen, welche öffentlich gegen religiöse Ideen und religiöse Werbung (bspw. ein Jesus- Plakat) vorgehen, tun dies wohl kaum grundlos, oder, wie Bonelli behauptet, aus diffusen und inrrationalen Gründen. Im Gegenteil, es gibt genug logisch konsistente Beweggründe, dies zu tun. Beispielsweise wären da:

  • die Religionsgeschichte, welche vor allem durch Folter, Mord und Kriege gezeichnet ist
  • die negativen Folgen von religösem Kadavergehorsam, welche wir auch heute noch tagtäglich auf der Welt beobachten können
  • die Freiheit der Religionsausübung- welche auch impliziert, keine Religion auszuüben
  • die simple Unsinnigkeit und Unhaltbarkeit traditioneller religiöser Ideen
  • neuere wissenschaftliche und philosophische Erkenntnisse, welche Religionen immer stärker als veraltet und nicht zeitgemäßt erscheinen lassen
  • die Freiheit des Denkens und der Meinungsäußerung

Diese Liste ließe sich noch lange so fortführen und sehr ausführlich begründen, jedoch will ich hier keine wissenschaftliche Arbeit abliefern. Vor allem, da diese stark gekürzte Fassung der atheistischen Argumente ohnehin schon völlig ausreichend ist.

Daher nun zu den drei narzisstischen Kränkungen:

1. Atheisten können die Religiösität ihrer Mitmenschen sehr wohl akzeptieren - solange diese Privatsache bleibt, ist jeder Mensch frei zu glauben, was er will. Einschränkungen treten dann auf, wenn der eigene Glaube als Maß aller Dinge angesehen wird und somit anderen aufgedrängt werden soll. Des Weiteren ist die Geschichte vom christlichen Abendland eine Lüge - und somit religiöse Symbolik im öffentlichen Bereich noch weniger gerechtfertigt. Kurzum: Ein Atheist kann die innere Religiösität eines Menschen sehr wohl akzeptieren - nur diese soll dann bitte auch dort bleiben, oder zumindest anfangen, halbwegs stichhaltige Argumente im öffentlichen Disput zu liefern.

Weiters ist die Aussage, dass alle anderen Formen von Moral beliebig sind, schlicht und einfach falsch. Sie erfordern aber die Benützung des eigenen Verstandes, in Kombination mit Wissen und Erkenntnissen aus unterschiedlichen Disziplinen, wie beispielsweise naturalistischer Philosophie oder Biologie. Ein Beispiel hierfür ist der evolutionäre Humanismus.

2. Wenn ein Mensch nicht glaubt, Abbild eines perfekten Wesens zu sein, erübrigt sich ohnehin die Frage nach Unfehlbarkeit. Solch einen Anspruch kann man viel eher religiösen Personen zuordnen, welche meinen, aufgrund ihrer Glaubensinhalts besonders privilegiert zu sein - ich habe noch nie einen Atheisten gesehen, welcher nur aufgrund der Erhabenheit seines Glaubens (der ja de facto fehlt) anders denkende Menschen verteufelt und zu Gewalt gegen jene aufgerufen hat.

Gerade das Wissen über die eigene Verantwortung ist es, was infantilen Formen des Glaubens fehlt - ohne himmlisches Alphamännchen steigt die Eigenverantwortung logischerweise an. Sie nimmt nicht ab, wie Bonelli hier zu behaupten scheint.

3. Dies ist eine Unterstellung, für die es keinerlei Beweise gibt. Im Gegenteil: Wer erkennt und akzeptiert, dass das Universum und alles darin eben nicht auf einen Übervater zurückzuführen ist, wird sich doch eher daran machen, seinem Leben selbst einen Sinn zu verleihen. Dies ist zwar ein - im Vergleich zum Festhalten an religösem Wunschdenken - ungleich schwierigerer Prozess, aber dafür sehr befreiend.

Dem Menschen wohnt ein Hang zu Übersinnlichem und Irrationalem inne - dies ist sicherlich unbestreitbar und hat positive Aspekte für den Menschen. Daraus aber einen Existenzanspruch für längst widerlegte Glaubensideen ableiten zu wollen, ist absurd.

Natürlich muss man aber dazusagen, dass Glaube einem Menschen gut tun kann. Das Problem hierbei ist nur, dass religiöser Glaube der Menschheit viel stärker geschadet als genützt hat. Des Weiteren ist es zweifelsfrei das Sinnvollste bei jeglicher geistiger Weiterentwicklung, alte und unbrauchbare Ideen sterben zu lassen. Und es gibt kaum Argumente, dies nicht auch auf Religionen anzuwenden. Persönlicher, privater Glaube wird dadurch ja auch nicht angegriffen - missionieren mit allen Mitteln ist eine Tätigkeit, die nun wirklich nicht der atheistischen Fraktion zugeordnet werden kann.

Schlussbemerkung

Dieses kurze Statement meinerseits gibt natürlich nicht die ganze Bandbreite an Argumenten wieder, welche die Aussagen Bonellis als das hinstellen, das sie sind - abstrus und unhaltbar. Aber bei diesem himmelschreienden Unfug konnte ich es mir trotzdem nicht nehmen lassen, mich dazu zu äußern. Zwar habe ich keine religösen Gefühle, die er damit verletzt haben könnte - sehr wohl aber solche redlicher und intellektueller Natur. Im Grunde beleidigt Bonelli jeden Menschen der sich dazu entschlossen hat, Ideen konsequent zu Ende denken zu wollen.

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Gemeinsam dumm.

Mit dem Social Web ist auch der Begriff der "Schwarmintelligenz" populär geworden. Im Grunde sagt dieser aus, dass viele Personen mehr wissen als eine Person allein - und eine größere Gruppe daher ja eigentlich, falls sie zusammen arbeitet, intelligenter handeln müsste. Doch dem ist leider nicht immer so.

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(Bild hier entnommen)

Forscher haben herausgefunden, dass diese Form der Intelligenz nur dann richtig funktioniert, wenn ein Individuum nicht weiß, was die anderen denken. Denn: Sobald ihm dies mitgeteilt wird, kann der eigene Standpunkt zumindest ein bisschen abweichen - und tut es meist auch. Oftmals läuft es in Gruppen auf Konsensfindund hinaus - wie bei allen Tagungen, seien sie politischer, wirtschaftlicher oder sonstiger Natur, der Fall. Aber: Konsensfindung, also die Annäherung an andere Standpunkte, ist nicht unbedingt der beste Weg.

Zudem findet der Herdentrieb, ein eher negativ konotiertes Wort, auch in menschlichen Gesellschaften statt - ein einfaches Beispiel hierfür ist die Mode. Außerdem fühlen wir uns dadurch bestätigt, dass andere unsere Ansichten und Meinungen teilen.

Anhand der Finanzkrise beschreibt der Philosoph Michael Schmidt- Salomon das Phänomen der "kollektiven Dummheit" ganz gut:

"Es ist momentan sehr beliebt, die Wirtschaftsmisere auf das angeblich so gierige und ethisch verwerfliche Handeln einzelner Individuen zurückzuführen. In Wahrheit jedoch liegt das Problem tiefer: Wir haben ein ökonomisches System geschaffen, das so konfiguriert ist, dass all die kleinen, rationalen Einzelentscheidungen, die Ökonomen treffen, sich letztlich zu einer einzigartigen Irrationalität aufsummieren. [...] Es handelt sich um die exakte Umkehrung des Phänomens, das wir bei Ameisen beobachten können: Während sich aus der individuellen Beschränktheit der Ameisen eine kollektive Intelligenz ergibt, resultiert aus der individuellen Intelligenz der Menschen eine kollektive Beschränktheit."

Unser soziales System hat uns außerdem lange gelehrt, dass kollektive Ideen der Benutzung des eigenen Verstandes vorzuziehen sind, frei nach dem Motto: Soviele Menschen können sich gar nicht irren. Nur: sie können es sehr wohl.

Ein (von mir immer wieder bemühtes) Beispiel sind gewisse Auswüchse religiöser Ideen. In den USA beispielsweise glaubt eine große Zahl von Menschen, dass unsere Erde nur ein paar tausend Jahre alt ist, und verneint gleichzeitig die Idee der Evolution. Da diese Ideen nun kollektiv geteilt werden, sind sie deswegen richtiger? Wohl kaum.

Die traditionelle Praxis der Beschneidung von kleinen Mädchen, wie sie in Teilen Afrikas durchgeführt wird, ist ebenfalls kaum ein Beispiel für einen guten, kollektiven Einfall. Es ist menschenverachtend, und im Grund einfach nur dumm - nur leider wirkt das soziale Umfeld, welches positiv auf einen wirken kann, auch umgekehrt: Diese inhumane Praxis wird wohl kaum hinterfragt, denn: Sie wird seit langem und von jedem praktiziert.

Ich denke, solange wir nicht anfangen unseren eigenen Verstand stärker zu nutzen, und zwar auch in Hinblick darauf, dass unsere eigenen Ideen ebenfalls nicht dogmatischer Natur sein können, wird sich am Effekt der Schwarmdummheit nur wenig ändern. Im Grunde ist mehr Skepsis von Nöten - anderen, als auch uns selbst, gegenüber. Die Mischung aus Vertrauen, Konsensfindung und kritischer Rationalität macht's - nur dies ist nicht so einfach.

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